H wie Handlungsbereiche: In der Projektsteuerung beschreiben sie die zentralen Tätigkeitsfelder, in denen Bau- und Immobilienprojekte strukturiert, begleitet und transparent gehalten werden.
Projektsteuerung funktioniert nicht nur entlang eines Zeitstrahls. Natürlich braucht jedes Projekt eine zeitliche Ordnung: von der Projektvorbereitung über Planung, Ausführungsvorbereitung und Ausführung bis zum Projektabschluss. Die zentralen Steuerungsaufgaben lassen sich jedoch meist nicht auf einzelne Abschnitte (Projektstufen) begrenzen. Organisation, Qualitäten, Kosten, Termine und Verträge wirken über die gesamte Projektlaufzeit hinweg.
Eine Entscheidung zur Planung kann Auswirkungen auf Kosten, Termine, Vertragsfragen und Kommunikationswege haben. Eine Terminverschiebung kann neue Abstimmungen, geänderte Prioritäten oder zusätzliche Entscheidungsbedarfe auslösen. Eine angepasste Qualitätsanforderung kann Vergaben, Nachträge oder Freigaben betreffen.
Die Handlungsbereiche helfen, diese Zusammenhänge fachlich zu sortieren. Sie zeigen, in welchem Steuerungsfeld gehandelt werden muss, unabhängig davon, an welcher Stelle im Projektverlauf das Thema auftritt. Das AHO-Heft Nr. 9, 6. Auflage, Stand Mai 2025, rückt diese Sicht mit dem stufenübergreifenden Leistungsbild der Projektsteuerung besonders in den Vordergrund.
Was sind Handlungsbereiche?
Handlungsbereiche sind fachliche Tätigkeitsfelder der Projektsteuerung. Sie ordnen die Aufgaben im Projekt danach, welches Thema betrachtet wird.
„Leistungsbilder des Projektmanagements, insbesondere der Projektsteuerung, werden zeitlich in fünf Projektstufen und inhaltlich in fünf Handlungsbereiche unterteilt. Durch diese Aufgliederung wird einerseits eine stufenweise Beauftragung ermöglicht, andererseits die inhaltliche Aufgabenstellung an die Projektsteuerung durch eine Aufteilung in Kompetenzbereiche verdeutlicht.“
(AHO Heft Nr. 9, 6. Auflage, Mai 2025, Seite 4)
Das AHO-Heft Nr. 9 unterscheidet fünf Handlungsbereiche:
- A Organisation
- B Qualitäten
- C Kosten
- D Termine
- E Verträge
Das AHO-Heft Nr. 9 stellt diese fünf Handlungsbereiche in einen Zusammenhang mit der zeitlichen Gliederung in Projektstufen. Entscheidend ist dabei: Die Zusammenhänge aller Leistungen sind sowohl stufen- als auch handlungsbereichsübergreifend zu beachten.
Weshalb die neue AHO-Struktur spannend ist
Im Vordergrund der 6. Auflage des AHO-Hefts Nr. 9 steht das stufenübergreifende Leistungsbild der Projektsteuerung. Dieses aggregiert die Leistungen der einzelnen Projektstufen und gliedert sie zunächst in die fünf Handlungsbereiche. Innerhalb der Handlungsbereiche werden dann die sogenannten Grundleistungen beschrieben. Damit sind die konkreten Leistungen gemeint, die in einem Tätigkeitsfeld erforderlich sind.
Das ist für das Verständnis besonders wichtig: Die Handlungsbereiche geben die fachliche Ordnung vor, die Grundleistungen beschreiben die regelmäßigen Projektsteuerungsleistungen innerhalb dieser Ordnung.
So entsteht eine klare Struktur:
- Handlungsbereich: In welchem Steuerungsfeld bewegt sich eine Aufgabe?
- Grundleistung: Welche konkrete Leistung ist dort regelmäßig erforderlich?
- Lieferobjekt: Welches Ergebnis entsteht daraus?
- Mitwirkungshandlung: Welche Entscheidung, Information oder Unterstützung der Auftraggebenden wird benötigt?
In der Praxis gilt längst: Viele Leistungen der Projektsteuerung laufen nicht nur in einer bestimmten Projektstufe ab. Sie begleiten das Projekt über weite Strecken. Außerdem wird deutlich abgegrenzt, welche Ergebnisse die Projektsteuerung erarbeitet und welche Schnittstellen zur auftraggeberseitigen Projektleitung bestehen.
Handlungsbereiche und Grundleistungen: ein kurzer Blick in die Praxis
Wie die Systematik aus Handlungsbereich, Grundleistung, Lieferobjekt und Mitwirkungshandlung funktioniert, zeigt sich besonders gut an einem konkreten Projektbeispiel.
Schauen wir einmal eine Grundleistung aus dem Handlungsbereich B (Qualitäten) näher an:
Bei der Erweiterung eines Verwaltungsgebäudes liegen aus der Bedarfsplanung Qualitätsziele vor. Gewünscht sind flexible Arbeitsbereiche, barrierefreie Erschließung, publikumsnahe Servicezonen und Nachhaltigkeitsanforderungen. Diese Vorgaben kommen von den Auftraggebenden. In der AHO-Systematik ist das die Mitwirkungshandlung: „Information über die Qualitätsziele“.
Die dazugehörige Grundleistung der Projektsteuerung ist B1: „Überprüfen der Qualitätsziele und Mitwirken bei Zielanpassungen“. Die Projektsteuerung überprüft, ob die Ziele vollständig, plausibel und miteinander vereinbar sind. Ein konkreter Zielkonflikt kann beispielsweise entstehen, wenn die barrierefreie Erschließung großzügige Zugänge, breite Türen, Rampen oder Aufzüge erfordert, was mehr Platz beansprucht. Dies kann im Widerspruch zu einer möglichst effizienten Flächennutzung stehen, die für flexible Arbeitsbereiche oft gewünscht ist.
Als Lieferobjekt entsteht eine „Dokumentation der Überprüfung“, bei Bedarf ergänzt um „Entscheidungsvorschläge für Anpassungen“. Die Projektsteuerung entwickelt dabei keine planerische Lösung, sondern bereitet erforderliche Zielanpassungen vor. So kann sie beispielsweise vorschlagen, die barrierefreie Erschließung als nicht verhandelbares und priorisiertes Qualitätsziel festzulegen, den Umfang der flexiblen Arbeitsbereiche zu reduzieren, die Anforderungen an die publikumsnahen Servicezonen räumlich zu begrenzen oder einzelne Nachhaltigkeitsanforderungen zu konkretisieren. Damit schafft sie eine belastbare Entscheidungsgrundlage für die Auftraggebenden.
Die Auftraggebenden entscheiden, ob bzw. welche der vorgeschlagenen Zielanpassungen übernommen werden – was wiederum zu den Mitwirkungspflichten zählt.
Diese Leistung begleitet das Projekt stufenübergreifend: In der Projektvorbereitung werden die Qualitätsziele überprüft, in der Planung werden sie bei neuen Erkenntnissen konkretisiert, vor der Ausführung müssen Zielanpassungen entschieden sein, und während der Umsetzung kann ein Befund im Bestand erneute Entscheidungen erforderlich machen.
Projektstufen bleiben eine wichtige zeitliche Orientierung
Neben der inhaltlichen Gliederung in Handlungsbereiche sieht das AHO-Heft Nr. 9 weiterhin eine zeitliche Einordnung in fünf Projektstufen vor: Projektvorbereitung, Planung, Ausführungsvorbereitung, Ausführung und Projektabschluss. Sie zeigen, wann Leistungen im Projektverlauf typischerweise relevant werden.
Für die handlungsbereichsorientierte Sicht bedeutet das: Projektstufen geben den zeitlichen Rahmen, Handlungsbereiche strukturieren die fachlichen Tätigkeitsfelder. Projektsteuerung ist komplex und arbeitet selten in sauber voneinander getrennten Themenpaketen. Die Tätigkeitsfelder greifen stets auch ineinander.
Kurzer Seitenblick: AHO und HOAI
Die HOAI ist vielen am Bau Beteiligten vertraut. Sie beschreibt vor allem Leistungen der Architektur- und Ingenieurbüros, etwa Entwurfsplanung, Ausführungsplanung oder Objektüberwachung. Zuständig sind typischerweise die beauftragten Planungsbüros und die mit der Objektüberwachung beauftragten Büros.
Das AHO-Heft Nr. 9 beschreibt dagegen Projektmanagementleistungen in der Bau- und Immobilienwirtschaft, insbesondere Projektleitung und Projektsteuerung. Die Projektsteuerung handelt im Auftrag der Auftraggebenden. Sie plant das Gebäude nicht und übernimmt keine klassische Objektüberwachung auf der Baustelle. Sie strukturiert Prozesse, überprüft Informationen, bewertet Auswirkungen auf die Projektziele und bereitet Entscheidungen vor.
In Bezug auf die Handlungsbereiche heißt das: Wenn ein Grundriss angepasst wird, entwickeln die Planenden die fachliche Lösung. Die Projektsteuerung prüft aus Sicht der Auftraggebenden, welche Auswirkungen diese Anpassung auf Qualitäten, Kosten, Termine, Verträge und Entscheidungswege hat.
Welchen Mehrwert bietet die handlungsbereichsorientierte Sicht?
Die Struktur nach Handlungsbereichen macht Projektsteuerung greifbar. Sie zeigt, welche Themen im Projekt laufend betrachtet werden müssen und wie eng einzelne Aufgaben miteinander verbunden sind. Für Auftraggebende erleichtert das die Beauftragung und Abstimmung. Für Projektbeteiligte schafft es Transparenz über Schnittstellen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungswege.
Ein Beispiel:
Im Verlauf der Planung wird das Raumprogramm angepasst. Aus fachlicher Sicht betrifft das zunächst den Handlungsbereich Qualitäten: Welche Nutzung soll ermöglicht werden? Passen die geänderten Anforderungen noch zum Zielsystem?
Für die Projektsteuerung ist damit zugleich der Blick in weitere Handlungsbereiche erforderlich. Im Bereich Organisation stellt sich die Frage, wer die Entscheidung vorbereitet, welche Beteiligten eingebunden werden und wie die Änderung dokumentiert wird. Im Bereich Kosten sind Mehr- oder Minderkosten zu bewerten. Im Bereich Termine geht es um Auswirkungen auf Planung, Vergabe oder Ausführung. Im Bereich Verträge ist zu prüfen, ob Leistungsbilder, Beauftragungen oder Nachträge berührt sind.
So wird aus einer fachlichen Anpassung eine steuerbare Projektentscheidung. Genau darin liegt der Nutzen der Handlungsbereiche: Sie helfen, Auswirkungen nicht isoliert zu betrachten, sondern strukturiert über das Gesamtprojekt hinweg einzuordnen.
Kurz und knapp
Handlungsbereiche sind die fünf zentralen Tätigkeitsfelder der Projektsteuerung: Organisation, Qualitäten, Kosten, Termine und Verträge.
Grundleistungen beschreiben die regelmäßig erforderlichen Projektsteuerungsleistungen innerhalb dieser Handlungsbereiche.
Lieferobjekte zeigen, welche Ergebnisse aus diesen Leistungen entstehen. Mitwirkungshandlungen machen sichtbar, welche Informationen, Entscheidungen oder Unterstützungen von Auftraggebenden benötigt werden.
Projektstufen bleiben für die zeitliche Einordnung relevant. Die handlungsbereichsorientierte Struktur spiegelt die fachliche Sicht auf das Projekt und zeigt, welche Tätigkeitsfelder über den Projektverlauf hinweg zu beachten sind.
AHO und HOAI haben unterschiedliche Schwerpunkte: Die HOAI betrifft vor allem Planungs- und Überwachungsleistungen, das AHO-Heft Nr. 9 beschreibt Projektmanagement- und Projektsteuerungsleistungen.
Sie haben Fragen?
Diederichs begleitet Bau- und Immobilienprojekte mit ganzheitlichem Projektmanagement und langjähriger Erfahrung in der Projektsteuerung. Bei Fragen zu Handlungsbereichen, Grundleistungen oder zur passenden Projektstruktur sprechen Sie uns gerne an.




