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Vom Bauchgefühl zu belastbaren Zahlen: Quantitative Risikobewertung in der Projektsteuerung

17. Juni. 2026

Risikomanagement ist in Bau- und Immobilienprojekten kein neues Thema. In fast jedem Projekt werden Risiken gesammelt, hinsichtlich ihrer Relevanz besprochen und priorisiert. Häufig geschieht das zunächst qualitativ: Risiken werden als „hoch“, „mittel“ oder „niedrig“ bewertet, mit Ampelfarben versehen oder in einer Risikomatrix eingeordnet. Das ist ein wichtiger Schritt. Denn ohne eine gemeinsame Einschätzung der relevanten Risiken fehlt die Grundlage für wirksame Steuerungsmaßnahmen.

Qualitative Bewertungen haben aber eine Grenze: Sie zeigen, welche Risiken Aufmerksamkeit brauchen, jedoch nicht unbedingt, welche wirtschaftliche oder terminliche Tragweite sie tatsächlich haben. Genau hier beginnt der Übergang von der subjektiven Einschätzung zur quantitativen Risikobetrachtung. Für komplexe Bauprojekte entsteht der entscheidende Mehrwert dort, wo priorisierte Risiken nicht nur benannt, sondern auch quantitativ betrachtet werden: Wie wahrscheinlich ist der Eintritt? Welche Kosten-, Termin- oder Qualitätsfolgen können entstehen? Und welcher Schadenserwartungswert ergibt sich daraus?

In der Praxis werden dazu oft auch Bandbreiten für Wahrscheinlichkeiten und Schadenshöhen angesetzt werden, um Unsicherheiten besser abzubilden.

 

Weshalb „Bauchgefühl“ allein nicht ausreicht

Projekte werden mit Unwägbarkeiten gesteuert. Kosten, Termine, Qualitäten, Organisationsstrukturen und Vertragskonstellationen entwickeln sich nicht immer exakt so, wie sie zu Projektbeginn geplant wurden. Die ISO 31000 beschreibt Risiko grundsätzlich als die Wirkung von Unsicherheit auf Ziele. Risikomanagement dient damit nicht nur der Gefahrenabwehr, sondern vor allem der besseren Entscheidungsfindung zur Festlegung von Bewältigungsmaßnahmen.

Für die Projektsteuerung ist dieser Gedanke besonders relevant. Nach AHO Heft Nr. 9 gliedert sich die Projektsteuerung in die Handlungsbereiche Organisation, Qualitäten, Kosten, Termine und Verträge. Genau in diesen Bereichen entstehen Risiken, die bewertet, transparent gemacht und steuerbar gehalten werden müssen – wobei Risiken in der Realität oft nicht isoliert auftreten, sondern sich gegenseitig beeinflussen können.

Ein Beispiel:
Ein Risiko wie „verspätete Freigabe von Planungsunterlagen“ kann qualitativ als „hoch“ bewertet werden. Das ist hilfreich, bleibt aber noch relativ ungenau.

Für eine Steuerungsentscheidung ist zusätzlich entscheidend:

  • Wie wahrscheinlich ist der Eintritt?
  • Welche Mehrkosten können entstehen?
  • Welche Terminfolgen sind realistisch?
  • Welche Bewältigungsmaßnahmen gibt es?
  • Und wie hoch ist das verbleibende Restrisiko?

Erst wenn diese Fragen zumindest näherungsweise beantwortet werden, entsteht aus einer Einschätzung eine belastbarere Entscheidungsgrundlage – idealerweise dokumentiert und regelmäßig überprüft, da sich Annahmen im Projektverlauf ändern können.

 

Von der Priorisierung zur quantitativen Bewertung

Der Einstieg in die quantitative Risikobewertung muss nicht kompliziert sein. Meist beginnt er mit bereits priorisierten Risiken. Diese wurden im Projektteam, in Steuerungsrunden oder im Risikoregister bereits als relevant identifiziert. Der nächste Schritt besteht darin, sie mit zwei zentralen Größen zu hinterlegen:

Eintrittswahrscheinlichkeit: Wie wahrscheinlich ist es, dass das Risiko eintritt? (Hier kann es sinnvoll sein, nicht nur einen festen Wert, sondern eine Bandbreite oder einen „Most Likely“-Wert zu schätzen.)

Schadenshöhe: Welche monetäre Auswirkung hätte das Risiko, wenn es eintritt? (Auch hier sind Schätzungen als Minimum, Maximum und wahrscheinlichster Wert möglich.)

Daraus lässt sich ein einfacher Risikowert beziehungsweise Schadenserwartungswert ableiten:

Risikowert = Eintrittswahrscheinlichkeit × Schadenshöhe

Dieser Ansatz entspricht dem Grundprinzip des Expected Monetary Value, also des erwarteten monetären Werts und beschreibt eine Methode, bei der die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Risikos mit dessen Auswirkung verknüpft wird, um eine rechnerische Entscheidungsgrundlage zu erhalten.

Ein vereinfachtes Beispiel:
Ein Risiko hat eine Eintrittswahrscheinlichkeit von 30 Prozent. Im Eintrittsfall werden Mehrkosten von 100.000 Euro erwartet. Der Schadenserwartungswert beträgt dann:

30 Prozent × 100.000 Euro = 30.000 Euro

Das bedeutet nicht, dass das Projekt sicher 30.000 Euro Mehrkosten haben wird. Es bedeutet: Für dieses einzelne Risiko liegt der rechnerische Erwartungswert bei 30.000 Euro. Der Wert hilft dabei, Risiken vergleichbarer zu machen und eine sachlichere Diskussion über Risikovorsorge, Prioritäten und Maßnahmen zu führen.

 

Was der Risikowert leisten kann und was nicht

Der Risikowert ist kein Blick in die Zukunft. Er sagt nicht exakt voraus, welche Kosten oder Terminfolgen tatsächlich eintreten werden. Er hilft aber, Unsicherheit strukturiert zu bewerten. Gerade in der Projektsteuerung ist das wichtig. Denn viele Entscheidungen müssen getroffen werden, bevor vollständige Sicherheit besteht.

  • Soll eine zusätzliche Planungsprüfung beauftragt werden?
  • Ist eine Terminreserve plausibel?
  • Braucht es eine Risikovorsorge im Budget?
  • Welche Risiken müssen in die nächste Lenkungsrunde?
  • Welche Maßnahmen haben den größten Steuerungseffekt?

Eine quantitative Betrachtung macht diese Fragen nachvollziehbarer. Sie ersetzt nicht die fachliche Erfahrung, sondern ergänzt sie. Aus dem reinen Bauchgefühl wird eine dokumentierte Annahme. Aus einer Ampelfarbe wird ein Wert. Aus einer allgemeinen Risikoliste wird ein Steuerungsinstrument, das regelmäßig aktualisiert und in die Entscheidungsprozesse (z. B. Lenkungskreis, Risikobericht) eingebunden werden sollte.

 

Anwendung in den Feldern der Projektsteuerung

In der Kostensteuerung hilft der Schadenserwartungswert, Risikobudgets oder Reserven transparenter herzuleiten. Anstatt pauschale Zuschläge anzusetzen, können wesentliche Risiken einzeln betrachtet und in ihrer erwarteten Kostenwirkung bewertet werden.

In der Terminsteuerung lässt sich ein ähnlicher Gedanke anwenden. Hier steht nicht immer ein Eurobetrag im Vordergrund, sondern die mögliche Verzögerung. Auch Terminrisiken können mit Eintrittswahrscheinlichkeiten und Auswirkungen bewertet werden, etwa in Tagen oder Wochen. Dabei wird die quantitative Risikoanalysen unter anderem als Schnittstelle zu Kostenschätzung, Terminplanung sowie zur Steuerung von Risikobudgets und Terminreserven beschrieben.

Im Bereich Qualitäten kann die quantitative Bewertung helfen, Folgekosten von Qualitätsabweichungen oder Nacharbeiten sichtbar zu machen. In der Organisation können Risiken aus unklaren Zuständigkeiten, verspäteten Entscheidungen oder fehlenden Kapazitäten bewertet werden. Im Vertragsbereich kann es um mögliche Nachträge, Claims, Verzögerungsfolgen oder Schnittstellenrisiken gehen.

Wichtig ist dabei: nicht jedes Risiko muss bis ins Detail berechnet werden. Quantitative Bewertung sollte dort eingesetzt werden, wo Risiken eine relevante Auswirkung auf Projektziele haben, wo die Bewertung einen Mehrwert für Entscheidungen liefert und wo Abhängigkeiten zwischen Risiken berücksichtigt werden sollten, sofern sie wesentlich sind.

 

Ein einfaches Beispiel aus der Projektsteuerung

Angenommen, in einem Projekt besteht das Risiko, dass eine behördliche Entscheidung später als geplant vorliegt. Das Risiko wurde qualitativ als „hoch“ eingestuft, weil es den weiteren Projektablauf beeinflussen kann.

Die Projektsteuerung bewertet gemeinsam mit den relevanten Beteiligten:
Eintrittswahrscheinlichkeit: 40 Prozent
Mögliche Mehrkosten durch Verzögerung und Umplanung: 150.000 Euro
Schadenserwartungswert: 60.000 Euro

Damit wird aus einer allgemeinen Einschätzung ein konkreter Steuerungswert. Nun kann sachlicher diskutiert werden:

  • Lohnt sich eine zusätzliche Abstimmung mit der Behörde?
  • Sollte ein alternativer Ablauf vorbereitet werden?
  • Muss eine Kostenreserve berücksichtigt werden?
  • Ist das Risiko in der nächsten Entscheidungsvorlage darzustellen?

Die Zahl beantwortet diese Fragen nicht allein. Aber sie schafft eine deutlich bessere Grundlage für die Entscheidung.

Entscheidend ist die Transparenz der Annahmen

Quantitative Risikobewertung darf nicht mit Scheingenauigkeit verwechselt werden. Eine Zahl wirkt schnell objektiv, obwohl sie auf Annahmen beruht. Deshalb ist die Dokumentation entscheidend.

  • Für jedes bewertete Risiko sollte nachvollziehbar sein:
  • Welche Eintrittswahrscheinlichkeit wurde angesetzt?
  • Welche Schadenshöhe wurde angenommen?
  • Wer hat die Einschätzung vorgenommen?
  • Auf welcher Grundlage wurde bewertet?
  • Welche Maßnahmen sind bereits berücksichtigt?
  • Welche Restunsicherheit bleibt bestehen?

Nur dann wird der Risikowert zu einem brauchbaren Steuerungsinstrument. Ohne diese Transparenz besteht die Gefahr, dass Zahlen genauer wirken, als sie tatsächlich sind.

 

Fazit: Zahlen ersetzen Erfahrung nicht, sie strukturieren sie

Der Übergang von „Bauchgefühl“ zu Zahlen ist kein Bruch mit der Erfahrung der Projektbeteiligten. Im Gegenteil: Quantitative Risikobewertung macht Erfahrung sichtbar, prüfbar und vergleichbar. Sie zwingt dazu, Annahmen offen zu legen und Risiken nicht nur gefühlt, sondern nachvollziehbar zu bewerten.

Für die Projektsteuerung liegt genau darin der Nutzen. Sie kann Risiken systematisch aus den relevanten Handlungsbereichen aufnehmen, priorisieren und in eine quantitative Betrachtung überführen. So entstehen bessere Entscheidungsgrundlagen für Auftraggebende, Projektteams und Steuerungsgremien.

Der Schadenserwartungswert ist dabei ein pragmatischer Einstieg. Er macht aus priorisierten Risiken keine exakten Prognosen, aber belastbarere Orientierungswerte. Und genau das ist der Kern professioneller Projektsteuerung: Unsicherheit nicht ausblenden, sondern so strukturieren, dass sie steuerbar wird und dabei stets die getroffenen Annahmen und deren Aktualität im Blick behalten.

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